Diagnose Lungenkrank



Das Foto des sterbenden Mannes im letzten Beitrag veranlasst mich dazu, heute mal etwas über mich zu schreiben. Ich bin Herz/Lungenkrank - und die Diagnose hat mich aus heiterem Himmel getroffen. Man kennt das ja. Man lebt sein Leben wie immer, meist geht es einem gut, manchmal ist man etwas kränklich, man denkt sich nichts dabei - wird schon wieder vorbei gehen. Nun - vor einigen Jahren ging es nicht vorbei. Seit Wochen kurzatmig, Schweißausbrüche bei der geringsten Anstrengung. Dann ist es soweit - nichts geht mehr.
11 Uhr Vormittags leitete ich mit dem Satz "Schatz, wir sollten ins Krankenhaus fahren, irgendwas stimmt nicht mit mir" den Beginn vom Leben als chronisch Kranker ein. Gesagt, getan - um 12 Uhr Mittags beschrieb ich der Schwester in der Erstambulanz meine Beschwerden. Blutdruck passt, Puls passt - fein, kein drohender Herzinfarkt. Gleich fühlte ich mich etwas besser und ich dachte mir "eigentlich können wir wieder nach Hause, die Beschwerden sind vorbei" - klarerweise, das Adrenalin in Stresssituationen sorgt für Linderung. Endlich - 2 Stunden nach Ankunft im Krankenhaus darf man einer Ärztin die Symptome beschreiben. Blutbild ist erforderlich, man hält seinen Arm hin, gibt tapfer ein paar Röhrchen Blut, nimmt wieder draußen Platz und richtet sich auf den grünen Plastik-Sesseln gemütlich ein.

Die Zeit vergeht - um 17 Uhr gibt`s endlich den Blutbefund. Alles passt. Ah nein - Moment...dieser Wert stimmt nicht..."Waren sie längere Zeit in Ruhe? Bettlägrig?" 2mal nein. "Sie haben vermutlich eine Lungenembolie, das müssen wir uns näher anschauen". Als medizinisch relativ unbedarfter Mensch dachte ich mir zu dem Zeitpunkt noch nicht sehr viel dabei - lediglich die ernsten Gesichter des anwesenden Krankenhauspersonals haben mich beunruhigt - erst als ich mit Kontrastmittel im Blut im Rollstuhl zum CT gebracht wurde, begann das langsam mal zu sacken. Eine halbe Stunde später war ich wieder zurück auf meinem grünen Plastik-Sessel und die Warterei begann von vorne. Bis 21 Uhr passierte nichts erwähnenswertes...doch - eine Schwester kam vorbei und fragte mich, ob es mir auch gut ginge, ich hätte ganz blaue Lippen. Was? Blaue Lippen? Mir geht es doch gut, ich bin bestimmt gesund, alles nur ein Irrtum (der besorgte Blick meiner besseren Hälfte sagte mir was anderes). Um 21.30 Uhr reichte es - ich ging in das Behandlungszimmer zur Ärztin die mich Stunden zuvor untersucht hatte und wollte wissen, was denn so lange dauert - denn immerhin war ich nun schon seit über 9 Stunden im Krankenhaus und wußte NICHTS. Unter mehreren Entschuldigungen erklärte sie mir, dass man auf den Primar warte, der mir meine Diagnose mitteilen werde - der sei aber gerade am operieren. "Aber sie bleiben auf jeden Fall bei uns, sie kommen heute nicht mehr nach Hause". Hurra. Flash.
Wieder verging eine Stunde - es war 22.30 Uhr, als der Primar ENDLICH kam, mir die Hand schüttelte, sich für die Warterei entschuldigte und mir mitteilte "Sie haben einen Tumor am Herzen, der eine Lungenembolie ausgelöst hat". Stille. Kennt ihr das Gefühl, wenn man eine Hiobsbotschaft erhält? Der Kopf ist leer, man hört das Blut in seinen Ohren rauschen, das sich langsam zu einem lauten Summen entwickelt, das Blickfeld verschwimmt und man versucht zu erfassen, was eben akustisch am Trommelfell vorbeiging - aber es gelingt nicht. Der Satz "Aber der Tumor ist zu 99% gutartig" machte da auch nichts besser.

Um 23 Uhr saß ich auf dem Bett im Krankenzimmer und bekam meine erste Spritze um mein Blut zu verdünnen. Die erste von hunderten - und bis zu meinem letzten Trip ins Nirvana werden`s wohl tausende.
Heute, 3 Jahre später, leide ich an einer chronischen Herzschwäche und auch die Lungenembolie ist nach wie vor ein Thema. Verdünne ich nicht regelmäßig mein Blut, so kann sie jederzeit wiederkommen. Hat natürlich auch den unangenehmen Nebeneffekt, dass ich verbluten könnte, wenn ich mir eine klaffende Wunde zuziehe, da die Blutgerinnung jenseitig ist - also doppelt aufpassen. Meistens. Nun kann man sagen "es gibt schlimmeres", aber es beeinträchtigt mein Leben doch sehr. Injektionen in die Oberschenkel, Dioretika zum entwässern, Blutdruck-Tabletten. War früher das Stechen in der Brust nur ein Zeichen von Stress, so gerate ich heute in Panik und greife sofort zum Blutdruckmesser, um Blutdruck und Puls zu checken. 20 - 30 km am Tag mit dem Mountainbike durch die Gegend zu hetzen ist nicht mehr. Spazierengehen ist die neue Extremsportart - mit dem Puls immer auf Tuchfühlung. Aufregung und Stress vermeiden - nicht immer machbar, aber ich gebe mir Mühe. Auf die Ernährung achten sollte man sowieso - macht auch nicht immer Spaß, aber ist leider erforderlich. Nicht mit gekreuzten oder angewinktelten Beinen sitzen - ein Thrombus könnte sich bilden. Ist das Leben nicht wunderbar? Nein, ich bin noch keine 50 - ich bin noch relativ jung. An manchen Tagen geht`s mir sehr schlecht, mein Puls schießt hoch auf 120 nur wenn ich 5 Meter gehe, ich bekomme schwer Luft und vor meinen Augen dreht sich alles. Meistens aber fühle ich mich wohl. Mein größter Wunsch wäre es, wieder unbedarft durch den Tag zu gehen, ohne im Hinterkopf auf die Symptome meines Körpers zu achten - wird es aber nicht spielen, die Krankheit ist Teil meines Lebens geworden. Ich kann euch nur raten, auf euren Körper zu achten. Ihr habt nur diesen einen, könnt euch auch keinen neuen kaufen. Gegen Tumore und dergleichen kann man ohnehin nichts machen. Der eine hat sie, der andere eben nicht. Aber die Gesundheit absichtlich auf`s Spiel zu setzen - durch Zigaretten, Alkohol, Übergewicht - das kann man vermeiden. Lasst euch ab und an mal durchchecken, eine Krankheit früh erkannt ist heilbar. Besser leben mit einem Handicap und Medikamenten, als unbehandelt Nachts im Schlaf zu sterben. In diesem Sinne wünsche ich euch ein langes, gesundes Leben.


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