Natascha Kampusch oder Die Perversion der Medien



Am 23. August 2006 erlebte Österreich unter Anteilnahme der ganzen Welt ein kleines Wunder. Natascha Kampusch, die 1998 entführt worden war, tauchte wie aus dem Nichts wieder auf und erzählte uns die hinlänglich bekannte Geschichte. Heute, eineinhalb Jahre später, wird Natascha wieder durch die Medien gezogen. Ein Gratisblatt aus (im wahrsten Sinne des Wortes) Wiens Untergrund zitiert aus Ermittlungsprotokollen, an die es auf dubiose Art und Weise gelangt ist. Der Aufschrei ist abermals groß, die Öffentlichkeit giert nach neuen Einzelheiten.
Die Bild titelt: "War der Sex mit ihrem Peiniger freiwillig?" "Die ganze Wahrheit - Die Geheimakte Natascha Kampusch" "SM-Fotos im Verlies - Geheimnis um Natascha Kampusch" "Neue Rätsel im Entführungsfall Kampusch - Gab es noch ein 2. Verlies?"

Liebe "Bild", liebe "Heute", liebe "Österreich"
Ihr seid der Auswurf der Gesellschaft. Ohne Gewissen, ohne Anstand, ohne Würde und ohne Intellekt grabt ihr um in anderer Menschen Leben. Präsentiert Halbwahrheiten, schafft Feindbilder. Veranstaltet Hetzjagden auf tiefstem Niveau. Verstreut Gerüchte, zerstört anderer Menschen Dasein. Nehmt euch unter dem Deckmantel der Pressefreiheit das Recht, Lügen zu verbreiten. Was müßt ihr doch für verachtenswerte Kreaturen sein, wenn ihr euch an derartiger Berichterstattung hochzieht. Euch daran ergötzt, wie Menschen durch eure Artikel zugrunde gehen, um sie in der nächsten Ausgabe zu bedauern. Man sollte die Reporter an die Öffentlichkeit zerren. Ihre kleinen Geheimnisse enthüllen. Sie genauso brandmarken, wie sie es mit den Opfern ihrer Berichterstattung praktizieren. Ihre Sexpraktiken ablichten. Ihre Scheidungen im Internet veröffentlichen. Über ihre Seitensprünge berichten. Sie auf der Toilette und beim Duschen fotografieren. Ihre Speckrollen im Internet zeigen. Sie mit Artikeln und Fotos zur Schau stellen und penetrieren.
Ich bin kein Fan von Natascha Kampusch - aber ich bin ein Fan von Menschlichkeit, Grundrechten und privaten Grenzen. Ein Fan von Begriffen, deren Bedeutung von Jahr zu Jahr mehr verblasst und deren Definition man in ein paar Jahren vermutlich nicht mehr kennt. Wir rühmen uns, eine Gesellschaft mit moralischen Werten zu sein. Wir verurteilen andere anhand dieser Zeitungsartikel. Sind kaum noch im Stande oder Willens, uns eigene Meinungen zu bilden - warum auch, das übernehmen ja die Medien für uns. Wir spielen mit, sind Voyeure. Haben Teil an anderer Menschen Schicksal und trampeln auf ihnen herum, um unsere eigenen Defizite zu übertünchen. Darüber sollten wir nachdenken, wenn wir beim nächsten Mal am Zeitungsstand die Hand ausstrecken, um uns wieder ein Stück Perversion zu kaufen. Das Sonntagsfrühstück schmeckt sicher auch ohne "BamS" oder "Österreich".


3 Responses So Far:

Anonym hat gesagt…

Sehr gelungener Artikel!

Thumbsucker hat gesagt…

Vielen Dank!

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für diesen Blog. Seit langem ein Artikel über dieses Thema der sich zu lesen lohnt. Sie haben die Essenz der Wiederwertigkeiten der Presse passend zusammengefasst.

 
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