Leben ohne Krankenversicherung


Auf dem Gebiet der Sozialvorsorge/leistungen sind die USA ein Entwicklungsland. Für uns ist es (noch) einfach - tut uns etwas weh, gehen wir zum Arzt. Hat's was mit den Zähnen, kein Problem - wir rufen beim Onkel Zahnarzt an, deklarieren uns als Schmerzpatient und sind 2 Stunden später unsere Sorgen los. Allerdings sollten auch wir uns nicht darauf verlassen, dass uns diese "Annehmlichkeit" noch ewig erhalten bleibt - denn sowohl in Deutschland, als auch in Österreich geht's den Kassen nicht sonderlich gut - Leistungen werden gekürzt, Beiträge erhöht und die geschätzten 200.000 Menschen *ohne* Krankenversicherung in z.B. Deutschland (die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen und auch in Österreich sieht es nicht viel anders aus) sollte man auch nicht vergessen.

Was uns in einigen Jahren erwarten könnte, lässt sich am Beispiel eines amerikanischen Hilfsprojektes, dem Remote Area Medical - kurz RAM - veranschaulichen.
Gegründet wurde RAM 1985 von Stan Brock, der sich selbst als Philanthrop bezeichnet - mit dem Ziel, Menschen in der Dritten Welt Zugang zu medizinischer Versorgung und Medikamenten zu ermöglichen. Bald erkannte man bei RAM allerdings, dass der Bedarf an ärztlicher Versorgung in den USA ebenfalls sehr groß ist und fuhr fortan mit den RAM-Trucks durch die Bundesstaaten der USA.


Diese Trucks transportieren medizinisches Gerät und Medikamente für hunderte von Patienten. Mit ihnen fährt RAM von Stadt zu Stadt und baut in Sporthallen oder Schulen ein riesiges, provisorisches Krankenhaus auf, in dem Amerikaner ohne Krankenversicherung behandelt werden.


Unterteilt werden die Patienten in 3 Gruppen: Zahnbeschwerden, Allgemeinmedizin und Sehschwächen, ehe sie von den freiwilligen Helfern - Ärzten, Assistenten, Pflegepersonal - behandelt werden. Die Amerikaner nehmen teils weite Anfahrten in Kauf und nächtigen oft schon lange vor dem Eintreffen der RAM-Trucks in ihren Autos, in Zelten oder im Freien, um auch ja behandelt zu werden.


Viele der Patienten nutzen sowohl den Allgemeinmediziner, als auch den Zahnarzt und den Augenarzt. Es ist keine Seltenheit, dass Amerikaner seit 15- 20 Jahren nicht mehr von einem Arzt behandelt wurden. Die meisten haben mehr verfaulte Zähne im Mund als Gesunde, die ihnen reihenweise gezogen werden, weil sie nicht mehr zu retten sind.


Viele der Menschen schlagen sich seit Jahren mit billigen Supermarkt-Lesehilfen von Wal Mart durch's Leben, weil sie die Kosten für einen Augenarzt und eine richtige Brille nicht aufbringen können. Auch denen wird von RAM geholfen - die Organisation rückt mit einem ganzen Arsenal an Brillen in den unterschiedlichsten Stärken zu ihren Einsätzen.


So haben im Laufe der Jahre 36.675 freiwillige Ärzte und Helfer über 357.000 Patienten medizinische Behandlungen im Wert von rund 33 Millionen $ zukommen lassen.
Viele der unversicherten Amerikaner stehen Obamas Gesundheitsreform eher skeptisch gegenüber, da es noch Jahre dauern wird, bis sie davon profitieren. Erwähnen sollte man allerdings, dass auch die Gesundheitsreform Obamas z.B. keinen Zahnarzt oder Brillen beinhaltet, sondern "nur" die medizinische Grundversorgung - aber allein damit ist vielen schon geholfen.

Lasst uns mal hoffen, dass uns so etwas erspart bleibt. Beitragen können wir alle dazu, indem wir unser Gesundheitssystem nicht ausnutzen und vorsorgen. Natürlich ist es praktisch, für alles das passende Medikament parat zu haben - das kostet den Kassen allerdings eine Menge Geld und für manche ist der Arztbesuch beinahe ein Hobby. Ein wenig mehr Eigenverantwortung, gesunde Ernährung und Bewegung verlängert nicht nur unser Leben, sondern auch das unserer Gesundheitssysteme, damit wir nie auf Organisationen wie RAM angewiesen sind.

Thumbsuckers Wort zum Sonntag ;-)

NACHTRAG: Einen Artikel über die Möglichkeiten für Menschen ohne Krankenversicherung in Österreich findet ihr hier


5 Responses So Far:

Bulgariana hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Thumbsucker hat gesagt…

Ja leider - und es werden eher mehr, als weniger. Laut Armutskonferenz sind 100.000 Österreicher betroffen:
http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/2319699/auch-100-000-oesterreicher-krankenversicherung.story

juergen hat gesagt…

bis jetzt kamen ja alle "tollen" entwicklungen aus den usa ein paar jahre später auch zu uns. das desaster mit den krankenkassen in dtld lässt einen ja auch nicht hoffen. keine schönene aussichten...
als weiterführendes material empfehle ich micheal moore's film "sicko". u.a. wurde dort ein mann, der sich zwei finger abgetrennt hatte, vom arzt gefragt, ob er sich die op leisten könne und wie viele finger er sich annähen lassen wolle. der eine finger würde $16.000 kosten und der andere $40.000...

Thumbsucker hat gesagt…

"Sicko" habe ich gesehen. Wobei man halt schon auch berücksichtigen muss, dass Michael Moore nicht unbedingt objektiv an die Arbeit geht/ging. Bin schon gespannt, wie er die Obama-Regierung aburteilt.

In den Suchwörtern meiner Sitestats tauchen heute doch einige Male die Wörter "keine Krankenversicherung" in Verbindung mit z.B. "Zahn ziehen" auf. Das spricht natürlich für sich, offensichtlich ist bei vielen bereits Not am Mann. Ich werde da mal ein wenig recherchieren und in einem Artikel die Möglichkeiten in D und AT für Menschen ohne Krankenversicherung aufzeigen.

PKV Vergleich hat gesagt…

Soweit ich weiss, braucht man in Deutschland eine. Sprich man kommt dann eben in eine gesetzliche Krankenkasse!

 
Real Time Web Analytics