Bin ich ein potentieller Attentäter?


Mittlerweile dürfte es sich auch im hintersten Eck Europas herumgesprochen haben, dass während der Batman-Premiere in den USA mal wieder ein Irrer um sich ballerte, einige Menschen tötete und noch mehr schwer verletzte. Es wären nicht die USA, wenn das nicht auch - mal wieder - seltsame Auswüchse nach sich ziehen würde.
Abgesehen davon, dass die Westboro-Spacken an sich vorhatten, die Gedenkfeier für die Opfer dieses Amoklaufs zu nutzen, um mal wieder ihre God Hates Fags Plakate in die Kameras zu halten(was übrigens nicht möglich war, da die Bevölkerung sich immer öfter dazu entschließt, diese Idioten vom Ort des Geschenes abzugrenzen, weswegen die Westboros billige Photoshop-Montagen im Web verteilten), diskutiert man nun über den Attentäter und wirft die Frage auf, wie er denn nur so klammheimlich seinen Amoklauf vorbereiten konnte. Wie konnte dieses gestörte Individuum sich unerkannt und unauffällig die Bauteile für seine Bomben besorgen? Wie konnte er sich unauffällig die Waffen besorgen und die dazugehörigen 6000 Schuss Munition?

Die Antwort auf diese Frage ist für Medien und Psychologen relativ rasch gefunden: der Attentäter nutzte kein Facebook und war auch in keinem sonstigen Social Network aktiv.
James Holmes hatte sich also entschieden, sein Leben nicht via Facebook, Twitter oder ähnlichen Kram zu veröffentlichen. Jaa, ich weiß - es gibt ja die tollen Privatsphäre-Einstellungen, werdet ihr sagen. Die sind Behörden und potentiellen Arbeitgebern aber wurscht, denn die kommen schon an die Informationen, die sie benötigen, um euch gläsern zu machen. Mittlerweile haben sich ja Firmen darauf spezialisiert, die Spuren eines Menschen im Web und in Social Networks ausfindig zu machen, damit man sie eurer Personalakte oder eurer Strafakte hinzufügen kann. Datenschutz my ass - postet auf Facebook mal ein paar Anti-Amerika Kommentare und harrt der Dinge, wenn ihr in die Corporate United States of America einreisen wollt - die Chancen auf eine kleine Überraschung stehen gut. Schließlich pfeifen die USA ja auch auf sämtliche Vereinbarungen mit der EU und deren Mitgliedsländern und betreiben exzessives Datamining nicht nur mit den Fluggastdaten, sondern auch mit den Polizeidaten der EU-Staaten.

Aber zurück zum Attentäter und den daraus resultierenden Konsequenzen: seine Absenz in Social Networks lässt nun für Psychologen und Medien natürlich nur einen Schluss zu - nämlich: bist du nicht bei Facebook, tickst du nicht ganz richtig und bist potentiell gefährlich. Forscher gehen davon aus, dass Online-Abstinenz auf Störungen hindeuten kann und wenn man nicht bei Facebook ist, leidet man unter Depressionen. Der Social Network Irrsinn geht sogar soweit, dass US-Personalabteilungen schon mal grundsätzlich misstrauisch werden, wenn ein Jobbewerber nicht bei Facebook registriert ist und dort sein Leben ausbreitet.

Aber wollen wir doch mal schauen, was jener Experte mit Namen Richard E. Bélanger, der Facebook-Verweigerer für nicht ganz richtig im Kopf hält, denn nun genau zu sagen hat:
Bélanger habe in einer "Studie im vergangenen Jahr" herausgefunden, dass "junge Menschen, die sich mit ihren Online-Aktivitäten sehr zurückhalten oder das Netz gar nicht nutzen, ähnlich häufig zu Depressionen und anderen psychischen Leiden neigen wie jene, die das Netz exzessiv nutzen".

Aha.  Demnach haben Menschen, die das Web nicht nutzen, also genauso häufig psychische Probleme wie Menschen, die das Web häufig nutzen. Diese Feststellung ist ungefähr genauso sensationell wie die Feststellung, dass Apfelsafttrinker genauso oft pinkeln müssen, wie Orangensafttrinker - was im Falle der Medien aber gleichzusetzen ist mit "Apfelsafttrinker sind potentielle Amokläufer" - zu gut Deutsch: dieser Artikel mitsamt der darin aufgestellten These ist Dünnpfiff. Leider aber Dünnpfiff, der ausreicht, um eine kleine Saat in die Gehirne derjenigen zu pflanzen, die diesen Schwachsinn lesen, ohne sich etwas dabei zu denken. Da spielt es auch keine Rolle, dass die Studie des geschätzten Herrn Richard E. Bélanger aus dem Jahr 2002(also 2 Jahre bevor Facebook überhaupt online ging) stammt und unter 16-20jährigen Schweizern durchgeführt wurde. Sich im Jahr 2012 in einem Artikel auf diese 10 Jahre alte Studie zu beziehen und daraus "Machen sich Facebook-Verweigerer verdächtig?" zu konzipieren, ist schlichtweg unseriöser, an den Haaren herbeigezogener Bullshit, den man so nur von der BILD kennt.

Aber nochmal zurück zur Trauerfeier in Aurora. Auch Batman Hauptdarsteller Christian Bale hat es sich nicht nehmen lassen, daran teilzunehmen. Muss schon sehr schwierig sein, Trauer zu zeigen, wenn man von dutzenden Fotografen und Journalisten verfolgt wird, um anschließend in den Medien zu lesen, man mache das ja nur, um sein Gesicht in die Kameras zu halten. Journalisten sind eine ekelerregende Spezies.







5 Responses So Far:

Th4N3rd hat gesagt…

Es gab auch ne kleine Aktion im Web, damit Christian Bale im Batman-Kostüm die verletzten Kinder im Krankenhaus besucht.
Dass die dezent traumatisiert sein werden hat da wohl niemand behirnt^^

Johann III. Sobieski hat gesagt…

Diese Feststellung ist ungefähr genauso sensationell wie die Feststellung, dass Apfelsafttrinker genauso oft pinkeln müssen, wie Orangensafttrinker - was im Falle der Medien aber gleichzusetzen ist mit "Apfelsafttrinker sind potentielle Amokläufer"

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Apfelsafttrinker haben schlechtere Zähne

Anonym hat gesagt…

Und zu großer Orangensaftverzehr macht Sodbrennen... bei mir! :D

Thumbsucker hat gesagt…

"Apfelsafttrinker haben schlechtere Zähne"

Ich trinke fast ausschließlich Apfelsaft mit Mineralwasser und meine Zähne sind hervorragend ;)

"Und zu großer Orangensaftverzehr macht Sodbrennen..."

Yep, das kenne ich. Zitrussäure verträgt mein Magen auch nicht ;)

Thumbsucker hat gesagt…

@Th4N3rd: davon habe ich gar nix mitbekommen, is ja ein Geniestreich ^^

 
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