The Milk Carton Kids


Als Einstieg für euch und zum Aufwärmen für mich gibt's heute einen Post aus der Kategorie "True Crime", einen ungelösten Fall aus dem Vereinigten Königreich: das Verschwinden von Patrick Warren und David Spencer.

Am 26. Dezember 1996 waren die beiden Freunde aus Birmingham etwas länger unterwegs und machten die Gegend unsicher. Patrick(11) fuhr auf seinem neuen Fahrrad, während David zu Fuß neben ihm herging. Kurz vor Mitternacht kamen sie zu David nach Hause und erzählten seiner Mutter, dass sie die Nacht bei Patricks Bruder verbringen würden. Dort kamen sie nie an.
Patricks Bruder wohnte nur einen kurzen Fußmarsch von den beiden Freunden entfernt, doch anstatt direkt zu ihm zu gehen, entschieden sich Patrick und David anders. Sie machten sich auf den Weg zu einer nahegelegenen Tankstelle, wo sie einen Packung Kekse kauften. Der Tankstellenmitarbeiter gab an er hätte beobachtet, wie die beiden sich gegen 00:45 Uhr auf den Weg in Richtung Chelmsley Wood Shopping Centre machten, danach wurden sie nie wieder lebend gesehen. Patricks Fahrrad wurde später hinter der Tankstelle neben den Mülleimern gefunden, von den Jungen fehlt bis heute jede Spur.


David und Patrick
Die beiden Jungs wurden generell als etwas "schwierig" beschrieben. David war wegen mehrerer kleiner Vergehen schon einige Male vor dem Jugendrichter gelandet und wurde im zarten alter von 12 Jahren von der Schule geschmissen. David war nicht dumm, aber aggressiv und unberechenbar. Vorschreiben ließ er sich nichts und wenn ihm etwas nicht passte, schlug er auch gerne mal zu. Davids Mutter bezeichnete ihren Sohn als "streetwise", als kleinen Streuner, der sich auf der Straße auskannte und sich durchzusetzen wusste. Für die Polizei galt er als Problemkind, dessen Vergangenheit wohl mit Schuld an der Annahme trägt, dass die beiden nur ausgerissen wären, durch die Gegend liefen oder sich bei Freunden versteckten. Am Vormittag des 27. Dezember meldeten die Familien der beiden Jungs ihre Kinder bei der Polizei als abgängig.

Die Polizei begann, nach den beiden Ausschau zu halten - ohne Erfolg. Zwar wurde Patricks Fahrrad bereits am 27. Dezember hinter der Tankstelle gefunden, jedoch erst Wochen später mit ihm in Verbindung gebracht. Die Kommunikation zwischen den Familien der Jungen und der Polizei schien also nicht die beste zu sein - ein fataler Fehler, denn hätte man das Fahrrad umgehend als das von Patrick erkannt, hätte man die Suche nach den beiden vermutlich von Beginn an etwas ernster genommen.

Die Aufrufe der Polizei in den Medien waren so halbherzig wie die Suche. Zwar bat man die Bevölkerung um Mithilfe und Hinweise, vergaß aber dabei nicht zu erwähnen, dass die Jungs Streuner seien und man davon ausgehe, dass sie von zu Hause ausgerissen waren. Obwohl niemand die beiden Freunde gesehen hatte, sagten die zuständigen Ermittler den Medien, es gäbe keinen Grund zur Annahme, dass den beiden etwas passiert sei. Vielmehr gehe man davon aus, es handle sich dabei nur um "ein großes Spiel". Für Hinweise zum Verbleib wurde eine Belohnung von £500 ausgesetzt. Ende Januar 1997 gingen Polizei und Angehörige noch immer davon aus, dass die beiden nur ausgerissen seien. Im Rahmen einer Pressekonferenz baten die Mütter ihre Söhne öffentlich, nach Hause zu kommen. Erfolglos.

Im April schließlich waren die Gesichter von David und Patrick die ersten, die von der National Missing Persons Hotline  in Zusammenarbeit mit der Supermarktkette Iceland auf Milchkartons gedruckt wurden. Die lokalen Medien tauften die Jungs daraufhin die "Milk Carton Kids". Auch nach 4 Wochen fehlte der gewünschte Erfolg. Weder gab es einen Spur von den beiden, noch hatten nationale Medien die Story aufgegriffen und landesweit darüber berichtet. Überschattet vom Fall der nur wenige Tage nach dem Verschwinden der Jungen ermordeten Nicola Dixon war das Interesse an zwei ausgerissenen Problemkindern aus einem Arbeiterviertel gering. Medien konzentrierten sich auf den aufsehenerregenden Mord, Ressourcen der Polizei wurden primär für den Fall Nicola Dixon aufgewandt und so verstrich wertvolle Zeit.

Obwohl die Polizei in den darauffolgenden Jahren zahlreichen Spuren nachging, wurde das Verschwinden von David und Patrick erst im Jahr 2010 als "no body murder", als Mord ohne Leiche behandelt. Wohnungen und Häuser der Angehörigen wurden kriminaltechnisch untersucht, Felder durchforstet, Seen und Teiche abgetaucht, ohne Erfolg. Als man amtsbekannte Sexualstraftäter durchleutete, stieß man auf den Pädophilen Brian Field - 10 Jahre nach dem Verschwinden der beiden Jungs.

Brian Field lebte zum Zeitpunkt des Verschwindens nur wenige Kilometer entfernt. Er war bereits in den 80er Jahren wegen Entführung zweier Jungen zu einer Haftstrafe verurteilt worden, 1996 auf freiem Fuß und wurde 1999 wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen. Im Zuge der Festnahme wurde eine DNA-Probe entnommen, anhand derer Field im Jahr 2000 ein früheres Verbrechen nachgewiesen werden konnte - die Vergewaltigung und Ermordung des 14jährigen Roy Tutill im Jahr 1968. Field wurde 2006 von den Ermittlern im Gefängnis mehrere Male befragt. Sein Leben durchleutet, sogar Land umgegraben, das er rund um den Zeitpunkt des Verschwindens nutzte, um Erde und Gartenabfälle zu entsorgen. Leider ohne Erfolg.

Alles passte: Field lebte in der Gegend, hatte einen Transporter, mit dem er vermutlich an die Tankstelle zum tanken fuhr, an der Patricks Fahrrad gefunden wurde. Er war Landschaftsgärtner und hatte alle Möglichkeiten, die Leichen der verschwundenen Jungen unauffällig verschwinden zu lassen. Field allerdings legte nie ein Geständnis ab, bestritt, auch nur das geringste mit dem Verschwinden von Patrick und David  zu tun zu haben und so verlor sich auch diese Spur, obwohl Field noch heute als Verdächtiger geführt wird. Ohne Geständnis und Beweise keine Verurteilung, trotz aller passenden Puzzlesteine kann man Field bis heute nicht überführen und die Milk Carton Kids gelten nach wie vor als "no body murder".

Was übrig bleibt, sind viele offene Fragen, Ungewissheit für die Angehörigen und ein bitterer Beigeschmack. Hätte die Polizei 1996 ihre Vorurteile beiseite gelassen und den Fall bereits damals ernster genommen, hätte man das schon am Tag nach dem Verschwinden gefundene Fahrrad nicht erst nach Wochen mit Patrick in Verbindung gebracht und die Ermittlungen intensiviert, wäre die Spur möglicherweise nicht erkaltet und man wäre früher auf Field gestoßen, der damals zwar versuchte, unter dem Radar zu bleiben, aber auch 1996 verschwand ein wegen Entführung von zwei Jungen Vorbestrafter nicht einfach so von der Bildfläche. Auch Ermittler geben aus heutiger Sicht an, dass damals viele Ermittlungspannen passiert sind.

Man kann den Familien von David und Patrick nur wünschen, dass die sterblichen Überreste ihrer Söhne eines Tages gefunden werden oder jemand ein Geständnis ablegt. Ob es das leichter machen würde, ob man auch nach so langer Zeit noch irgendwo im Hinterkopf hofft, die Kinder seien wirklich "nur" davongelaufen und noch irgendwo am Leben, kann ich nicht beurteilen. Aber zumindest könnten sie dann abschließen.

So, das war der erste Artikel einer Reihe die ich fortsetzen werde. Schon allein aus Eigeninteresse. Und wenn ich mir die Berichte über diverse Fälle schon durchlese, kann ich sie genausogut für euch niederschreiben. Seid nicht zu streng, ich bin noch etwas eingerostet - aber nach ein paar Artikeln bin ich bestimmt wieder in meiner alten Form ;)

Image Credits: Surrey Police



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